Ego

Posted by tasch_s Category: Alternativen

Am 31. Dezember 2018 fuhr ich mich mit meiner Familie nach Hannover, um am Silvesterlauf teilzunehmen. Ein Massenevent, welches das sportliche Jahr 2019 einläuten sollte. Schon als ich aus dem Auto stieg, dröhnte vom entfernten Radiotruck der neuste Hit von Helene Fischer über den Maschsee. Der Moderator versuchte mit aller Macht den eintreffenden Läufern gute Laune einzutrichtern. 3000 Menschen sollten sich heute hier zusammenfinden, der Lauf sei schon seit Monaten ausgebucht. Rund um die Fressalienbuden versammelte sich eine bunte Masse. Eine Hälfte gehörte zu der Kategorie Profiläufer. Im neuesten Lauf-Outfit und bis unter den Ohren verkabelt, dehnten sie ihre Waden oder cremten sich mit Wärmegel ein, um sich auf der 5,8 Kilometer langen Strecke keine Zerrung zu holen. Ein anderer Teil war verkleidet. Supermariobrothers reihten sich neben Feen, Elfen, Schornsteinfegern und Feuerwehrmännern ein. Tanzend und singend machten sie sich zu den aktuellen Hits warm, bevor der Moderator zum Startpunkt rief.

In den bunten Masse fühlte ich mich ein wenig wie auf dem Ballermann für Läufer.

Es krachte, ein Feuerwerk verkündete den Startschuss.  Sehr schleppend setzte sich die Masse in Bewegung und drückte sich durch die enge Schleuse auf die Läuferstrecke. Ich versuchte einen Rhythmus zu finden, musste jedoch alle zehn Sekunden anhalten, um nicht über andere Beine zu stolpern. Neben mir liefen zwei Frauen, die sich über ihr Waschmaschinenprogramm unterhielten, vor mir eine Fee mit Klitzerperücke, deren 10 Euro MP3 Player undefinierte Töne ausspuckte. Überall wurde im Sekundentakt auf Trackinguhren gestarrt, ob der Puls noch stimmt oder das Herz noch schlägt.

Nach und nach verteilte sich sie Masse und ich versuchte in meinen Laufmodus zu finden. Die Lautstärke der vielen bunten Freaks um mich herum, ließen jedoch kein Abschalten zu. In mir kam eine Frage auf. Worum geht es bei diesem Lauf? Um den Sport? Nein, dafür müsste man sich nicht verkleiden und sich mit 3000 Menschen um den Maschsee schieben. Die Antwort setzte mir wie schon so oft in letzter Zeit einen Spiegel vors Gesicht. Es geht um unser Ego. Um gesehen zu werden.

Guckt mal, ich laufe, ich bin sportlich. Seht ihr mich alle!!!

Unser Ego ist ein übersättigtes Tier, das ständig neues Futter sucht. Möglichkeiten es zu füttern, gibt es dank Instagram und Co zur Genüge. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht auch zu diesen Menschen gehöre, die nach Anerkennung suchen. Die vielen Konzerte, Bücher und auch dieser Blog sind nur daraus entstanden. Jedoch ist es tückisch, permanent im Außen zu suchen, denn es macht innerlich sehr einsam. Manchmal wünsche ich mir, ich könne Klavier spielen, ohne zugleich an ein Konzert zu denken oder einen Blog zu veröffentlichen, ohne auf Klickzahlen zu schielen. Doch mein alter Ego lässt mich nicht in Frieden.

Viel reizvoller finde ich die Idee, mein Tun als Teilen zu betrachten. Nicht aus dem Bedürfnis heraus, mich selbst zu befriedigen. Für mein Konzert im März habe ich mir vorgenommen, nicht als Künstler auf der Bühne zu stehen, der nach Anerkennung sucht. Ich möchte einer sein, der euch etwas vorspielt. Meine musikalischen Gedanken mit euch teilt. Meinen Blog möchte ich für Menschen schreiben, die sich mit mir auf den Weg begeben. Ich bekomme einige positive Rückmeldungen zu meinem Blog. Diese Worte sind viel wertvoller als 1000 Klicks. Uns allen wäre damit geholfen, das Ego mal beiseite zu lassen, deshalb ist dieser Blog an jene gewidmet, die sich selbst genügen. Allen Stillen und Leisen, die diese ganze Bestätigung nicht brauchen. Für unsere egozentrische Welt seid ihr so wertvoll.

Durch die Meditation bin ich im letzten Jahr schon ein Stück weiter gekommen.

Jedoch ist dieser Weg noch sehr lang und steinig. Die beschissenen sozialen Netzwerke beweisen sich für mich insbesondere als Stolperfallen. Wie oft habe ich mich bei Facebook schon an und wieder abgemeldet. Wie oft habe ich meinen Instagram Account schon deaktiviert. Ich weiß es nicht. Fakt ist, es tut mir nicht gut. Doch diesen Weg werde ich schaffen, mir selbst zu genügen und dieses Ego in den Griff zu bekommen. Bis dahin muss ich wohl meine Texte und Musik nach außen tragen. Das habt ihr nun davon 😊

Was das Laufen angeht, bin ich recht schnell geheilt gewesen. Für 2019 werde ich mich bei keinem Wettbewerb anmelden. Da muss ich mir nichts beweisen. Lieber laufe ich mit meiner Frau durch den Söhrer Wald, höre den Vögeln zu und beobachte die Bäume. Das Handy und mein Ego können zu Hause warten.

 

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