Die Essenz der Bewegung

Posted by tasch_s Category: Bewegung

Neulich im Bürostuhl gefesselt, mein Körper zeigte mir den Stinkefinger, googelte ich den Begriff Rückenschmerzen. Eine Dehnung der Brustmuskulatur wurde mir vorgeschlagen, diese sei meistens verkürzt durch das viele vorgebeugte sitzen. In einem Video mit stylischen Hintergrund,  posiert ein Herrn mittleren Alters in weißer Arbeitskleidung. Ein knackiges, junges Mädchen wurde nach seiner Anleitung mit ausgebreiteten in eine Ecke gestellt. Langsam ließ sie sich in die Dehnung sinken.

„Schön den Nacken locker lassen und alle 30 Sekunden gegendrücken. Achtet bei dieser Dehnung auf den richtige Winkel und die richtige Kraft.  Die Intensität der Dehnung ist auch wichtig, genau wie die Dauer: 4 Minuten. Wenn ihr diese Übung täglich ausführt, seid ihr bald schmerzfrei.“

Stellt Euch einmal die Evolution vor. Menschen beginnen aufrecht zu laufen, klettern auf Bäume, tauchen in Seen, erklimmen Berge um Nahrung zu suchen. Ein Homosapiens Sapiens stellte sich abends nicht in die Ecke seiner Höhle und die Brustmuskulaur zu dehnen. Warum nicht?

Weil dies eine statische Übung ist, daher Blödsinn!

Die Natur hat uns einen Körper geschaffen, der sich in 10000 Richtungen bewegen lässt. Es gibt keine Grenzen in diesem System, keine Brustmuskulatur die separat gedehnt werden muss. Unser Problem liegt eher darin, dass wir unseren Körper nicht mehr nutzen, er wird steif und unbeweglich. Wie sagt meine Yogalehrerin immer so schön:

 „use it or lose it“ – oder schöner „train it and gain it“ (-;

Wenn ich in meinen Alltag blicke, dann gab es bisher genau vier Bewegungsmuster: sitzen, gehen, laufen und liegen. Das sind vielleicht 5% aller Möglichkeiten. Nicht ausreichend um Schmerzfrei zu bleiben!

Um eine Alternative auszuprobieren, habe ich mich in meinen Musikraum eingeschlossen. Langsam begann ich mich zu Bewegungen, ganz Achtsam in alle mir möglichen Richtungen. Ich folgte meiner  Intuition, überließ meinem Körper die Kontrolle und hörte in mich hinein. Manche Stellen zwickten, überall knackte und polterte es. Einige Bereiche fühlten sich steif an, andere waren locker und beweglich. Besonders unbeweglich fühlte sich meine Hüfte an. Durch die Bewegungen bekam ich ein sehr gutes Körpergefühl. Irgendwie konnte ich erahnen, wie die Muskulatur arbeitet. Ich wollte mehr wissen, wurde mutiger und ging noch tiefer in die Bewegung. Nach einiger Zeit begannen sich verhärtete Stellen zu lösen, mein Körper wurde flexibler. Vorsichtig lehnte ich mich in die Rückbeuge, eine Bewegung die ich sehr selten ausführe. In dieser Position merkte ich, wie steif meine Brustwirbelsäule ist. Auch hier löste sich irgendetwas. Nun war ich im Flow! Achtsam in meinem Körper vertieft, bewegte ich mich in die Trance. Nach einiger Zeit verlor ich an Energie. Ich ließ die Bewegungen kleiner werden, bis ich zum stehen kam.

Mein Herz pulsierte, mich überschwemmten Glücksgefühle.

Ich spürte so etwas wie: „Danke, das du das mit mir gemacht hast.“  Überglücklich ging ich zum Klavier um meine Eindrücke zu verarbeiten. Meine Gedanken kreisten noch einige Tage um dieses Erlebnis. In mir kam die Frage hoch, warum wir immer einem bestimmten Bewegungsmuster folgen, anstatt uns frei zu bewegen. Man bekommt überall gesagt, diese Bewegung sei falsch und sollte man meiden. Doch gibt es überhaupt falsche oder richtige Bewegungen?

Mit dieser Frage bin ich nicht allein.

Sie wurde auch von Ido Portal gestellt, Gründer des Movement Culture.

„Alle diese „Bewegungslehrer“ sprachen von einer bestimmten Disziplin – entweder Tanz oder Kampfsport oder Fitness, aber keiner war wirklich an dem größeren Bild der Bewegung interessiert. Ihnen fehlten auch einige grundlegende Werkzeuge, die in ihren eigenen Disziplinen nicht zur Verfügung standen, um mit Bewegung auf höchster Ebene umzugehen.“

Keine stumpfen Sätze, mit festgelegten Bewegungsabläufen in bestimmten Zeitformen gepresst. Keine statischen Dehnungen in bestimmten Winkeln auf Zeit gemessen. Freestyle, wie das improvisieren am Klavier. Einfach loslassen und bewegen.

Ich werde diese Form der Bewegung mal eine Zeit ausprobieren. Wie sich das Ganze auf meinen Körper auswirkt, kann ich euch in ein paar Monaten beantworten. Entweder ich hangele mich wie ein Äffchen von Baum zu Baum, oder ich sitze wieder mit einem Bänderriss in meinem Stuhl 🙂

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