Andere

Posted by tasch_s Category: Alternativen

Neulich habe ich zu einem Gastblog aufgerufen. Einige haben mir ihre Gedanken zugesandt, worüber ich sehr dankbar bin. Die nachfolgenden Zeilen von Elli haben mich sehr berührt.  Sie geht einen mir ähnlichen Weg. Vielen Dank für deine Zeilen.

Das Leben der Anderen

Ich gehe aus der Haustür hinaus auf die Straße, ein paar Meter weiter um die Ecke und dann immer geradeaus. Nach ungefähr 5 Minuten verlasse ich die Ortschaft und gehe auf dem alten Schotterweg weiter in Richtung Wald, ein paar Gärten zu meiner Linken, eine weite Wiese zu meiner Rechten. Die aufwendig gebauten und sanierten Gartenhäuschen lassen erahnen, dass sich hier in den letzten Jahren Einiges getan hat, dass der Wohlstand eingezogen ist und die Zäune höher geworden sind. Eigentlich hat sich nichts verändert, die Fassade sieht wie immer perfekt aus und nur ich scheine zu wissen, was sich hinter den Mauern abspielt.

Erinnerungen – Ich bin zu Besuch in meiner alten Heimat, dem Ort, in dem ich geboren und aufgewachsen bin.

Eine idyllische Gegend. Dass der perfekte Schein der Hausfassaden meistens trügt, lernte ich schon vor vielen Jahren- zu früh, als dass es gut für mich gewesen wäre. Der Wind ist kalt und pfeift durch meine Mütze hindurch. Nach wenigen Minuten verschwinden auch die Zäune und die Gartenhäuschen, ich halte mich an der Weggabelung links, gehe durch die Wiesen und schliesslich einen kleinen Hügel hinauf in den Wald hinein. Hier ist der Wind nicht so stark, das Gefühl von Wärme kehrt langsam in meinen Körper zurück. Ich schaue kurz zurück und lasse meinen Blick in die Ferne schweifen. Ich weiss, dass hinter der grossen Wiese schon das nächste Dorf liegt, aber für den Moment kommt es mir so vor, als würde die Natur hier endlos weit sein.

Als Kind erschien mir das alles hier riesengroß und weit, der Wald, die Wiesen und die Felder. Jetzt freue ich mich, dass Vieles von damals noch genau so aussieht, wie ich es in Erinnerung hatte: etwas schroff und um diese Jahreszeit ziemlich kahl, aber voll von Leben und nahezu unberührter versteckter Schönheit. Der Weg kommt mir noch immer sehr vertraut vor, auch wenn ich viele Jahre nicht hier gewesen bin. Es riecht nach feuchtem Laub, Erde und dem Holz der Buchen, Eichen und Kiefern, die hier wachsen und zu Hause sind. Heimat. Ich weiss genau, wohin mein Weg mich nun führt.

Ich gehe weiter bergauf in den Wald hinein, eine dicke Schicht aus Laub bedeckt den Boden.

Der Wind rauscht unerbittlich durch die Baumkronen, aber sonst ist es ganz still. Die Natur scheint abzuwarten, was als nächstes geschieht. Oben angekommen steht eine kleine Kapelle und davor ein uralter, knorkeliger Eichenbaum. Majestätisch steht er da, hat viele Jahrzehnte überdauert und zweifellos an diesem Ort schon so Einiges gesehen. Ein Wächter. Ob er weiss, wie scheinheilig viele Menschen sind, die sich hier zum Beten, Sehen und gesehen werden zusammen finden? Dass sie Wasser predigen und Bier trinken? Ich berühre seinen Stamm und spüre die raue Rinde unter meinen Händen. Baum müsste man sein, tief verwurzelt und verbunden mit der Erde, so dass kein Sturm einen umstossen kann, aber gleichzeitig so filigran und sanft wie die Finger eines Kindes. Ich schaue mich um und hoffe, dass dieser Ort noch lange ein Geheimnis bleiben wird, bevor „sie“ bemerken wie schön es hier ist. Tief ein- und ausatmen.

Mein Weg zurück führt mich durch die kleine Ortschaft, vorbei am Krankenhaus, am Rathaus, der Kirche und den kleinen Geschäften, von denen nur noch wenige so aussehen, wie früher.

Die Menschen, die in dieser Gegend wohnen, finden hier alles was sie zum Leben brauchen. Sie müssen ihre Nachbarschaft nie verlassen und müssen niemals weiter denken als bis zu ihrem Ortsschild. Die wenigen Leute, denen ich auf der Straße begegne, tragen alle dieses falsche Lächeln im Gesicht, welches ich nur allzu gut kenne. Die vermeiden den Blickkontakt und gehen schnell weiter, so als befürchteten sie, ich könne in ihre Seelen hinein blicken und sehen, welches Spiel sie jeden Tag mit sich selbst spielen. Den Meisten ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass es ein Spiel ist. Sie wahren den perfekten Schein nach außen schon so lange, dass sie vergessen haben, wie es in ihrem Inneren aussieht. Sie sehen nicht unzufrieden aus, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie wirklich glücklich mit diesem Leben sind. Aber ich will nicht über sie richten oder bewerten, schließlich bin ich selbst lange ein Teil dieses Spiels gewesen.

Den Mittelweg finden – Das ist es, was ich all die Jahre versucht habe. Ich bin gescheitert.

Du hast die Wahl: Entweder passt du dich an, oder du fährst mit 220 km/h vor einen Baum (Wie Sven Tasch es so schön in seinem Blogbeitrag „Die zweite Liebe meines Lebens“ beschreibt). Oder du gehst. Und wenn du dann zurück kehrst, kannst du dich nochmals entscheiden, aber du hast nur eine einzige Chance. Es ist das Leben der Anderen und entweder bist du ein Teil davon und spielst ihr perfektes Spiel oder du kehrst nach vielen Jahren als Fremder zurück. Ich habe mich für das Gehen entschieden und ein neues Leben jenseits der Mauern begonnen. Es war nicht leicht, aber wenn man es schafft, die erste Kette zu sprengen, gibt es kein Halten mehr und man sieht, dass Grenzen nur im eigenen Kopf existieren… Aber trotz allem kann ich gut verstehen, warum so viele hierher zurück kehren. Denn auch wenn ich mich für ein anderes Leben entschieden habe, werde ich mich doch immer mit diesem Wald verbunden fühlen.

Elli Kutscha, geb. Melzer

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