70 %

Posted by tasch_s Category: Laufen

Da lag ich mal wieder flach im Urlaub, Scheißerei! War ja klar, anderes Land, neues Essen und mein Magen ist zickig. Alles was ich versuchte, war vergebens. Es ging nichts mehr. Nur der Weg vom Bett zum Klo und zurück. Meine Familie hatte sich verkrümelt, was sollte sie auch bei mir, dem qualvoll dahin siechenden Vater. Sie konnten eh nichts tun. Um mich abzulenken, schaltete ich den Fernseher ein. Schon nach 5 Minuten war mir klar, warum ich zu Hause die Satellitenschüssel vom Dach gerissen hatte. Dann doch lieber Sportsender. Dort liefen so ein paar Menschen um einen Fluss herum. An der Skyline konnte man Frankfurt erkennen. Der Kamerafokus lag auf einen Herrn, der einen sehr dynamischen Laufstil an den Tag legte. Sein Schritt war federnd leicht der Körper aufrecht, der Blick gen Horizont gerichtet.

Der Videotext sagte mir, dass dies der Ironman sein, der laufende Mensch Jan Frodeno. Olympiagewinner und zweifacher Ironman Sieger auf Hawaii.

Ironman, schon mal gehört, immer belächelt. Kann kein Mensch schaffen sowas. Liegt ganz weit in der Ferne. 3,86 km schwimmen, 180 km Fahrrad fahren und dann noch ein Marathon hinterher. Wahnsinn! Ich hatte erst vor kurzem mit dem Laufen angefangen und war nach 5 Kilometer schon durch. Desto länger ich jedoch diesen Frodeno laufen sah betrachtete, desto mehr schwanden in mir die Zweifel. Eine Sehnsucht stieg in mir auf: ich möchte auch Triathlon laufen!

Vier Wochen später stand ich vor meiner Frau und erzählte ihr voller Euphorie, dass ich mich für einen Triathlon vorbereiten werde. Mein Plan hatte sich zu 110% Prozent in meinem Kopf festgesetzt. Wenn ich mir etwas vornehme, dann immer zu 110%. Meine Frau kann da ein Lied von singen. So versuchte sie, wie jedes Mal, mich liebevoll vom Leistungsross zu heben. Doch wer hört schon auf den Propheten im eigenen Land. Also ging das Training los:

Montag: Mit dem Fahrrad zur Arbeit, nach der Arbeit schwimmen.
Dienstag: Mit dem Fahrrad zur Arbeit, 5 km laufen, Yoga.
Mittwoch: Mit dem Fahrrad zur Arbeit, Krafttraining.
Donnerstag: Mit dem Fahrrad zur Arbeit, nach der Arbeit schwimmen.
Freitag: Mit dem Fahrrad zur Arbeit, 5 km laufen.
Samstag: Mit dem Fahrrad zur Arbeit, 7 km laufen.
Sonntag: Mit dem Fahrrad zur Arbeit, 5 km laufen.

Dazu essen, essen, essen, um mein Gewicht zu halten. Bin je eh schon zu dünn. Nach einer Woche merkte ich, wie mir die Energiereserven schwanden. Ich wurde müde und unkonzentriert. Meine Schmerzen meldeten sich wieder zurück, die Laune ging in den Keller. Es gibt dann doch Personen auf die ich höre, die mich wieder auf den Teppich zurückbekommen. Eine davon ist Regina, meine Yogalehrerin. Sie hat die Gabe, ohne erhobenen Zeigefinger einen direkt mit der Nase auf das Problem zu stoßen. REGENERATION. Der Körper braucht Regeneration. In der Ruhe wird die Kraft gebildet. Hatte ich wohl total übersehen. Und da sie mich schon eine lange Zeit kannte, sagte sie diesen Satz zu mir:

„Mach doch alles mal mit 70%, nicht nur im Sport, IM GESAMTEN LEBEN!“

OK, dachte ich. Dann halt wieder runter fahren. 110 % hatte ich ja nun schon mein ganzes Leben ausprobiert, hat nie so richtig funktioniert. So habe konsequent mein Leistungsbarometer nach unten geschraubt. War gar nicht so einfach. Im Sport sieht das nun so aus:

Montag: Mit dem Fahrrad zur Arbeit.
Dienstag: Yoga.
Mittwoch: Pause.
Donnerstag: 5 km Laufen.
Freitag: Mit dem Fahrrad zur Arbeit.
Samstag: 5 km Laufen.
Sonntag: Pause.

Den Plan mit dem Triathlon habe ich erstmal beiseite gelegt. So etwas braucht Zeit! Den kann ich ja immer mit 50 noch laufen, bin ja noch jung Auch im Alltag stelle ich mir oft ein imaginäres Gaspedal vor. Wenn mein Geist mich wieder antreibt, ich in Hektik oder Leistungswahn verfalle, lasse ich ganz langsam, bildlich dieses Pedal los. Fahre auf 70%. Diese Strategie hat mir über die Zeit, jede Menge Leistung verschafft. Meine Laufereignisse sind besser geworden, ich bin ruhiger und konzentrierter! Denn weniger Leistung bringt mehr Leistung. Hört sich komisch an, ist aber so. Danke Regina!

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